Materialien zum Unterricht

Das Massenspektrometer – Simulation

Wie wiegt man ein einzelnes Atom? Auf die Küchenwaage legen klappt nicht: Ein Neonatom hat etwa 3 · 10−26 kg. Der Trick: Man macht aus dem Atom ein Ion, schießt es durch elektrische und magnetische Felder und schaut, wie stark es aus der Kurve fliegt. Schwere Ionen sind träge und fliegen weite Bögen, leichte Ionen fliegen enge Bögen.

Mit dabei ist wieder Lumi, unser Lichtfleck. Lumi möchte sich unbedingt auch wiegen lassen. Spoiler: Das wird schwierig. Lumis Sprüche sind albern, die Zahlen nicht: Alle Bahnen werden mit den echten Kräften F = qE und F = q v B exakt berechnet, mit echten Ionenmassen in u. Weil Ionen nur Mikrosekunden unterwegs sind, läuft alles in extremer Zeitlupe.

① Der Geschwindigkeitsfilter (Wien-Filter)

Im Magnetfeld fliegt ein Ion auf einem Kreis mit dem Radius r = m v / (q B). Der Radius hängt also von der Masse und von der Geschwindigkeit ab. Ein schnelles leichtes Ion und ein langsames schweres Ion könnten am selben Ort landen. Deshalb sortiert man vorher alle Ionen aus, die nicht genau eine bestimmte Geschwindigkeit v0 haben. Das erledigt der Wien-Filter: ein elektrisches Feld E (zwischen zwei Kondensatorplatten) und ein Magnetfeld B (in die Zeichenebene hinein, ⊗), die senkrecht aufeinander stehen.

Blick in den Wien-Filter (maßstäblich: Plattenlänge 20 cm, Abstand 4 cm)

eingeflogen0
durch den Spalt0
an den Platten0
an der Blende0
Teilchen
Felder im Filter

Test-Ion

Warum fliegt nur v0 geradeaus?

Auf ein positives Ion wirken zwei Kräfte: die elektrische Kraft nach unten (zur Minusplatte) und die Lorentzkraft nach oben.

Fel = q · E     FL = q · v · B

Geradeaus fliegt ein Ion nur, wenn sich beide Kräfte aufheben:

q · E = q · v0 · B  ⇒  v0 = E / B    mit E = UK / d

Die Ladung q kürzt sich heraus, die Masse kommt gar nicht vor. Der Filter lässt jede Ionensorte mit v0 durch. Ist ein Ion schneller, gewinnt die Lorentzkraft (es wird nach oben abgelenkt), ist es langsamer, gewinnt die elektrische Kraft.

Genauer hingeschaut für Profis

Ein Ion mit v ≠ v0 fliegt eine Zykloide: Es driftet mit v0 nach rechts und kreist dabei mit der Differenzgeschwindigkeit u = v − v0. Mit ω = qB/m gilt exakt:

x(t) = v0 t + (u/ω) sin(ωt)    y(t) = (u/ω)(1 − cos(ωt))

So rechnet die Simulation. Am Spalt (Breite s) kommen nur Ionen mit |u| ≤ (s/2) · ω / (1 − cos ωT) durch, T = Laufzeit. Ein schmaler Spalt macht den Filter genauer. Weil ω von m abhängt, ist der Durchlassbereich für schwere Ionen etwas breiter.

② Verschiedene Atommassen

Jetzt bauen wir das ganze Gerät (Bauart nach Bainbridge, maßstäblich): Ionenquelle → Wien-Filter → Spalt → zweites Magnetfeld B2. Die Quelle liefert Ionen mit allen Geschwindigkeiten zwischen 10 und 150 km/s. Hinter dem Spalt haben alle Ionen dieselbe Geschwindigkeit v0 und fliegen im Feld B2 einen Halbkreis. Wo sie auf den Detektor treffen, verrät ihre Masse.

Das Massenspektrometer

v0 = E/B1–
Messmarke 2r–
m/q an der Marke–
Treffer0

Die Messmarke (gestrichelte Linie) kannst du direkt im Bild verschieben. Die Animation zeigt bevorzugt Ionen, die fast die richtige Geschwindigkeit haben, sonst käme kaum eins durch. Mit „Turbo“ werden dazu Tausende Ionen pro Sekunde berechnet.

Ionensorte
Wien-Filter
Magnetfeld und Messung
Rätsel: Ion X⁺

Wähle oben „X⁺“. Miss 2r mit der Marke und berechne die Masse. Das Ion ist einfach positiv geladen.

u

So rechnet das Gerät

Im Feld B2 ist die Lorentzkraft die Zentripetalkraft:

q · v0 · B2 = m · v0² / r  ⇒  r = m · v0 / (q · B2)

Mit v0 = E/B1 aus dem Filter:

m / q = B1 · B2 · r / E

Doppelte Masse, doppelter Radius: Der Detektor ist eine lineare Massenskala. Achtung: Das Gerät misst m/q, nicht m allein!

Ein paar Ionen zum Ausprobieren

Ionm in uq in em/q in u/e

1 u = 1,660 539 · 10−27 kg, e = 1,602 177 · 10−19 C. Ionenmasse = Atommasse minus Masse der fehlenden Elektronen.

③ Ein Gemisch: das Massenspektrum

Jetzt kommt ein Gemisch in die Ionenquelle. Jede Ionensorte landet auf ihrer eigenen Linie. Wie viele Ionen auf einer Linie landen, zeigt, wie häufig diese Sorte im Gemisch ist. So entdeckte J. J. Thomson 1913, dass es zwei Sorten Neon gibt: die ersten bekannten Isotope eines stabilen Elements.

Massenspektrometer mit Gemisch

v0–
Ionen aus der Quelle0
auf dem Detektor0
Auflösung–
Probe
Wien-Filter
Magnetfeld

Massenspektrum: Zählrate über m/q

Ionm/q in u/egezähltAnteil gemessenAnteil Literatur

Warum eine Filter-Korrektur?

Schwere Ionen werden im Wien-Filter weniger stark gekrümmt (ω = qB/m ist kleiner). Deshalb kommen von ihnen auch Ionen mit etwas „falscher“ Geschwindigkeit noch durch den Spalt: Der Durchlassbereich Δv ist für schwere Ionen breiter, und sie werden etwas zu oft gezählt. Die Korrektur teilt jede Zählrate durch den berechneten Durchlassbereich. Echte Geräte werden dafür mit bekannten Proben geeicht. Schalte die Korrektur aus und vergleiche!

④ Labor 2026: der Isotopen-Fingerabdruck

Kohlenstoff besteht zu etwa 98,9 % aus 12C und zu 1,1 % aus 13C. Pflanzen bauen 13C je nach Art der Fotosynthese etwas unterschiedlich ein: Mais und Zuckerrohr (C4-Pflanzen) enthalten etwas mehr 13C als Blüten, Weizen oder Soja (C3-Pflanzen). Der Unterschied ist winzig, nur wenige Promille, aber ein Isotopenverhältnis-Massenspektrometer misst ihn. Die Probe wird zu CO2 verbrannt; das Gerät zählt Ionen mit m/q = 44 (12C16O2+) und 45 (13C16O2+). Angegeben wird die Abweichung vom Standard in Promille:

δ13C = (RProbe / RStandard − 1) · 1000 ‰    mit R = N45 / N44, RStandard = 0,011 180

Vereinfacht: Der kleine Beitrag von 17O zur Masse 45 wird weggelassen. Die Proben sind ausgedacht, die δ-Werte liegen in den Bereichen, die man für echte Proben findet.

Lumis Isotopenlabor

N440
N450
R = N45/N44–
δ13C–
Probe
Ionenstrom

Messzeit: 0,0 s

Urteil

Wo im Jahr 2026 Massenspektrometer arbeiten

  • Sport: Bei den Olympischen und Paralympischen Winterspielen in Mailand und Cortina (Februar/März 2026) und bei der Fußball-WM in Nordamerika (Juni/Juli 2026) untersuchen Dopinglabore Tausende Proben mit Massenspektrometern. Ob Testosteron aus dem Körper oder aus der Apotheke stammt, verrät das Isotopenverhältnis aus ④: Künstliches Testosteron wird aus Pflanzenstoffen (meist Soja) hergestellt und hat weniger 13C.
  • Trinkwasser: Seit dem 12. Januar 2026 gilt in Deutschland ein Grenzwert für PFAS („Ewigkeitschemikalien“): höchstens 0,1 Mikrogramm pro Liter für die Summe von 20 PFAS. So kleine Mengen findet man nur mit Massenspektrometern.
  • Neugeborene: Jedem Baby wird in den ersten Lebenstagen ein Tropfen Blut aus der Ferse genommen. Ein Tandem-Massenspektrometer sucht darin nach seltenen Stoffwechselkrankheiten, die man früh gut behandeln kann.
  • Krankenhaus: Statt Bakterien tagelang zu züchten, bestimmt ein MALDI-TOF-Massenspektrometer die Art oft in Minuten.
  • Lebensmittel: Honig, Vanille, Wein und Fruchtsaft werden über Isotopenverhältnisse auf Fälschungen und Herkunft geprüft.
  • Archäologie: Die Radiokohlenstoff-Datierung zählt heute einzelne 14C-Atome mit einem Beschleuniger-Massenspektrometer (AMS). Ein Milligramm Kohlenstoff genügt.
  • Weltraum: Die Raumsonde Europa Clipper ist auf dem Weg zum Jupitermond Europa (Ankunft 2030). An Bord: das Massenspektrometer MASPEX, das die Gase über dem Eispanzer untersuchen soll.
Merke – Das Massenspektrometer:
  • Nur geladene Teilchen werden von elektrischen und magnetischen Feldern abgelenkt. Deshalb werden die Atome oder Moleküle zuerst ionisiert.
  • Wien-Filter (Geschwindigkeitsfilter): Elektrisches und magnetisches Feld stehen senkrecht zueinander. Geradeaus fliegen nur Ionen mit v0 = E / B, unabhängig von Masse und Ladung. Ohne Filter würden Ionen gleicher Masse mit verschiedenen Geschwindigkeiten an verschiedenen Stellen landen.
  • Im Magnetfeld B2 fliegen die Ionen auf Kreisbahnen: r = m v0 / (q B2). Mit dem Filter folgt m/q = B1 B2 r / E: Der Radius ist proportional zu m/q.
  • Ein Massenspektrometer misst m/q. Ein zweifach geladenes Ion landet dort, wo ein einfach geladenes Ion mit der halben Masse landet.
  • Ein Gemisch ergibt ein Massenspektrum: Die Lage einer Linie verrät die Masse, ihre Höhe die Häufigkeit. Atome eines Elements mit verschiedener Masse heißen Isotope. Aus Massen und Häufigkeiten ergibt sich die mittlere Atommasse im Periodensystem.
  • Für Profis: Viele Geräte (auch Isotopen-Massenspektrometer) haben keinen Wien-Filter. Sie beschleunigen alle Ionen mit derselben Spannung U: ½ m v² = qU, also r = √(2mU/q) / B. Dann ist r proportional zu √(m/q). Die Genauigkeit eines Isotopenverhältnisses hängt von der Zahl der gezählten Ionen ab: Die relative Unsicherheit ist etwa 1/√N.

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